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Hätte ich das vorher gewusst ...
von Rinus |
Ich lebe mit zwei Gelbnacken-Amazonen zusammen. Das Mädchen (drei Jahre alt) ist eine Naturbrut, der Junge (zwei Jahre alt) eine Handaufzucht. Ich habe die Handaufzucht vor einem Jahr genommen, weil ich in der Situation, in der ich mich damals befand, Kompromisse machen musste, und da erschien mir die Handaufzucht als das kleinere Übel. Außerdem ist es meine erste Handaufzucht, und ich hatte keinerlei Erfahrungswerte, um die Angelegenheit beurteilen zu können. |
Heute würde ich mich nicht noch einmal so entscheiden. Denn der Junge ist zwar noch nicht geschlechtsreif, aber mich beschleicht schon jetzt die mulmige Ahnung, dass ich später einmal Ärger kriegen könnte. Vielleicht werde ich dann auch zu jenen Haltern gehören, die mit Sturzhelm das Zimmer betreten, weil sie sonst von ihrer scheinbar hemmungslos alles niedermachenden Amazone attackiert werden. Ich merke an dieser Amazone die schon oft beschriebene sehr niedrige Beiß-Hemmschwelle. Meine Amazone hackt nicht aus Angst oder aus Aggressivität, sondern weil sie offenbar keinerlei Respekt vor mir hat und dieses ewige Rumgeschnappe für ihr gutes Recht hält (oder für ihre Form der Kommunikation).
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Mia (rechts) und Max
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Um es auf einen Satz zu bringen: Meine Naturbrut läuft der Handaufzucht nach, und die Handaufzucht läuft mir nach. Noch ist dies kein wirkliches Problem, allenfalls lästig, aber es zeigt die Grundstruktur der Prioritäten.
Ein Beispiel: Wir sind alle drei im Arbeitszimmer. Kaum habe ich den Raum verlassen, höre ich zehn Sekunden später das Geschwader starten, wobei die Naturbrut auf der Voliere landet, die Handaufzucht aber zu mir in die Küche fliegt. Wenig später setzt das Geschrei ein, weil die Naturbrut ihren Partner aus den Augen verloren hat. In dieser Situation nutzt mein Antworten und Locken überhaupt nichts, denn der Vogel möchte nicht wissen, wo ich mich befinde, sondern wo sich sein Partner aufhält. Dieser wiederum (die Handaufzucht) sitzt unterdessen neben mir und denkt nicht daran, Laut zu geben, weil er ja hat, was er will, nämlich mich im Blick. Dagegen hilft nur: Entweder die Handaufzucht zurück auf die Voliere zu weisen, oder die Naturbrut in die Küche zu holen. |
Noch ist dieses Verhalten weder gefährlich noch unverträglich, und es gibt Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Amazonen, die mich hoffen lassen: Geschmust z.B. wird ausschließlich untereinander, dabei hab ich nichts zu suchen. Doch ist noch immer deutlich zu merken, dass die Handaufzucht auf mich fixiert ist. Nicht so dramatisch zwar, dass die Handaufzucht die Partnerin vollständig ignorierte, aber eben auch nicht so, wie sich umgekehrt die Naturbrut an ihrem Partner orientiert.
Es herrscht also (noch?) ein leichtes Ungleichgewicht. Und ich bekenne ganz ehrlich: Wenn dies meine erste Amazone wäre – ich würde das Problem gar nicht bemerken, geschweige denn thematisieren. Wie auch? Ich hätte keine Vergleiche, und solange ich nicht ständig angefallen würde oder der Vogel halb nackt gerupft vor mir säße – woher sollte ich auf den Gedanken kommen, dass etwas nicht stimmt?
Ich halte die Abweichungen zwischen Naturbrut und Handaufzucht in der Anfangsphase (vor der Geschlechtsreife) für (häufig?) so gering, dass man als Halter noch gut damit leben kann und (sofern man Vergleichsmöglichkeiten hat) allenfalls eine Ahnung bekommt, was sich noch ändern könnte. Das Problem verläuft meines Erachtens also viel subtiler und ist daher gefährlicher, weil sich die Negativseiten in der ganzen Dramatik wohl meist erst mit der Zeit entwickeln.
Ich persönlich habe das Problem Handaufzucht unterschätzt. Den klassischen „Kuschelvogel“ habe ich nie gesucht, die Informationsquelle Internet besaß ich damals noch nicht, und ich habe gedacht, schlimmer als ein Wildfang wird auch eine Handaufzucht nicht sein können, denn wenn ich es bereits geschafft habe, eine jahrelang vor Angst um sich hackende Amazone, nämlich einen Wildfang, so weit zu kriegen, dass sie irgendwann mal zahm war (nach 14 Jahren), dann dürfte mir doch erst recht eine Handaufzucht keine Schwierigkeiten bereiten.
Ich fürchte, hier habe ich mich geirrt. Die Anforderungen sind zwar anders, aber Probleme sind zu erkennen. |
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Mia und Max teilen ein Stück Brot auf Papageienart
Mias strubbeliges Bauchgefieder rührt daher,
dass ihr wegen einer Hautkrankheit täglich
die Füße mit Salbe eingerieben werden müssen
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Ich weiß, hier geht es in der Diskussion „pro und contra Handaufzucht“ um zwei grobe Meinungsstränge: Der eine besagt: Nicht die Aufzuchtform bestimme spätere Defizite und Auffälligkeiten, sondern das Umfeld und die Haltungsbedingungen brächten diese hervor. Die andere Meinung geht davon aus, dass die Weichen gestellt werden in der Prägephase als Küken, und wenn hier die falschen Signale (Handaufzucht) vermittelt würden, könne dies zu späteren Problemen führen.
Ich habe die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema nicht gelesen; ich beziehe mich also nur auf das, was ich ansatzweise mal im Biologieunterricht gelernt habe (z.B. Konrad Lorenz) und was mir mein Bemühen um folgerichtiges Denken vorgibt. Und demnach erscheint es mir plausibel, dass Elterntiere dazu da sind, ihrem Nachwuchs das Rüstzeug fürs Leben mitzugeben. Unterbindet man dieses Lernen aber (Handaufzucht) und setzt den Menschen an die Stelle der Eltern, so werden den Jungtieren andere Lerninhalte vorgesetzt, wobei die Ergebnisse so lange harmonieren dürften, wie beiderlei Bedürfnisse einigermaßen befriedigt werden. |

Max zeigt, was er unter Fingerspiel versteht: reinkneifen! |
Kommt es aber zu einer Schieflage (z.B. Vogel will den Menschen begatten, erhält aber nicht die gewünschte Resonanz), dann sind Verhaltensauffälligkeiten zu erwarten.
Sicherlich spielen die Haltungsbedingungen ebenfalls eine Rolle, und zwar in beiderlei Richtungen, in die negative wie in die positive. Denn niemand wollte wohl ernsthaft bestreiten, dass man die „schönste“ Naturbrut zum Krüppel verkommen lassen kann durch nicht artgerechte Behandlung, und ganz bestimmt vermögen günstige Lebensumstände vorhandene Fehlprägungen zu mildern, oder es kommt gar nicht erst so weit, dass sie als Auffälligkeit definiert werden. |
Für mich ändert sich aber nichts an der Hauptaussage: Warum soll ich mir mit einer Handaufzucht ein Risiko heranzüchten? Das Experiment kann gut gehen ohne gravierende Blessuren für alle Beteiligten, aber es kann eben auch anders kommen, und dann habe ich den Salat. Also: Warum lade ich scharfe Munition in meinen Revolver, wenn ich mit Platzpatronen sicher sein kann, dass sie mir nicht den Schädel wegblasen, sobald ich mir das Ding an den Kopf halte? Hätte ich stärker auf diese ganz persönliche Logik gehört, säße heute bei mir keine Handaufzucht zu Hause.
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Mia |
Ich persönlich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht mit meiner Naturbrut. Sie ist sogar schneller „zahm“ geworden als meine Handaufzucht. Sie lässt sich zwar ebenso wenig kraulen am Kopf wie die Handaufzucht, aber sie hackt nicht und zeigt keine Zeichen von Fluchtgedanken, Aggressivität oder Angst. Im täglichen Umgang ist sie angenehmer und leichter zu händeln als ihr handaufgezogener Partner.
Wie gesagt, eine Handaufzucht würde ich mir heute nicht mehr holen, und Küken ab Nest zum Päppeln kommen mir erst recht nicht ins Haus. Meiner Meinung nach ist das Thema Handaufzucht am realistischsten, d.h. mit der größten Wirkung zu handhaben durch sachliche Aufklärung, Diskussion und Erfahrungsaustausch. Denn gegen die Anziehungskraft von Schmusebäbybildern kann man nichts anderes setzen. Was dort angesprochen wird, spielt sich im Bauch ab und nicht im Kopf und ist wohl – leider – oft stärker als sachliche Gegenargumente. Aufgeben sollte man aber trotzdem nicht. |

Mia und Max "unterwegs" |

Mia und Max beim Versteckspiel |
| Text und Fotos: ©Rinus |
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