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AG Naturbrut
AG Naturbrut


Vogel und ich
Tipps und Tricks
zur Vogelhaltung

Der lange Weg zur Naturbrut

oder: Warum ich mich für Naturbruten entschieden habe

Seit ich das erste Mal hautnah einen Papagei gesehen habe, bin ich von diesen Tieren fasziniert. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mich dicht an das Gitter in diesem Vogelpark drängte, um dem großen, wunderschönen Tier (es war ein Molukkenkakadu) so nah wie möglich zu sein. Und dann, ganz plötzlich, senkte dieses Tier seinen Kopf und hielt ihn mir mit erwartungsvollem Blick entgegen. Ich vergrub meine Finger in seinen weichen Federn und für mich stand fest: Ich möchte einen Papagei und zwar einen, der zahm ist!

Da ich mich schon ein wenig mit Sittichen auskannte, wusste ich, dass man keinen Papagei alleine hält.

Somit war von Anfang an klar, dass ich ein Pärchen mein Eigen nennen wollte. Ansonsten hatte ich aber noch einen weiten Weg vor mir. Hhhm, ein Pärchen, das wird bestimmt nicht so gut zahm, befürchtete ich. Also fing ich an, mich intensiv über Papageien und deren Haltung zu informieren.

Auf dem langen Weg der Informationssuche (dieser dauerte insgesamt über ein Jahr!) bin ich vielen unterschiedlichen Haltern und Züchtern begegnet, die mir die verschiedensten Eindrücke vermittelten.

Mein erster Kontakt war ein Pennantenzüchter bei mir in der Nähe. Er müsse jedes Jahr ein paar Tiere von Hand aufziehen, da die Eltern die Aufzucht alleine nicht schafften, sagte er mir am Telefon. Das Resultat dieser Handaufzucht konnte ich dann bei ihm in der Zuchtanlage hautnah erleben: Die kleinen, sonst doch eher zurückhaltenden, Pennantsittiche flogen mir auf Kopf und Schulter. Ach war das schön…..oder?? Nein, irgendwie fühlte es sich nicht richtig an, und als der Züchter mir dann die Sondenfütterung vormachte, musste ich mich wegdrehen, weil ich den Blick aus den hilflosen Augen des Kükens in der Hand des Züchters nicht länger ertragen konnte. Nebenbei erfuhr ich dann auch, dass jedes Jahr einige Küken durch diese Sondenfütterung zu Tode kamen, warum, wusste der Züchter aber leider auch nicht.

Dies wusste aber dann der nächste Züchter, den ich aufsuchte (diesmal leider nicht ganz in meiner Nähe). Die Sonde verletzt die Kropfschleimhäute und die resultierenden Kropfverletzungen können auch noch viel später zu Krankheiten der Tiere führen.

Somit stand für mich schon mal fest: Meine Papageien sollten nicht mit der Sonde aufgezogen sein.

Auch dieser Züchter, und viele weitere, boten mir ihre Handaufzuchten an. Teilweise waren die kleinen Wesen, die mir auf Arm, Brust oder Schulter gesetzt wurden, noch nicht einmal voll befiedert. Hilflos sahen sie aus… und irgendwie ängstlich.

Und so sollten zahme Vögel sein? Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt: Vögel, die mit vollem Lebensmut und aus freien Stücken zu mir kamen, wenn sie es wollten!

Diese kleinen Wesen wirkten wie Marionetten und waren so furchtbar zerbrechlich. „Was sagen eigentlich die Eltern dazu, wenn die Jungen von ihnen weggenommen werden?“, fragte ich mal einen Züchter. „Naja“ ,räumte der ein, „begeistert sind die natürlich nicht, aber die gewöhnen sich ja auch dran. Mittlerweile trauern und suchen sie nur noch ein paar Tage, dann geht es wieder.“ Einmal hätte ein Kunde ihn gebeten, eine isolierte Handaufzucht durchzuführen. Obwohl er dies normalerweise ablehne, weil solche Tiere ihr Leben lang unter ihrer extremen Fixierung auf den Menschen Höllenqualen litten, hätte er es für den Kunden gemacht. Als er mir das erzählte, wurde mir klar, dass man für Geld wohl alles kaufen kann.

Das Leid der Eltern und auch der Jungtiere wird ganz bewusst billigend in Kauf genommen. Hohe Sterberaten von eigentlich quietschlebendigen Küken genauso, wie häufige Mangelerscheinungen, die durch die Handaufzucht entstehen (wie ich mittlerweile durch zahlreiche Internetrecherchen weiß).

Und ich, die Tierfreundin, sollte solche Machenschaften mit meinem Geld unterstützen? Natürlich taten mir diese kleinen Wesen, die ich im Arm hielt, leid. Aber würde nicht für jedes Tier, das ich kaufte, weitere nachrücken?

Auch hatte ich zahlreiche Halter angeschrieben, mit ihnen telefoniert und einige davon sogar persönlich besucht. Viele erzählten mir von den Problemen, die sie mit ihren handaufgezogenen Vögeln hatten. Mit „Zahmheit“ habe das Verhalten dern Handaufzuchten weniger zu tun, eher mit nahezu unaushaltbarer Anhänglichkeit, wurde mir gesagt. Naja, zahm sollten die Vögel schon sein, aber so über alle Maßen anhänglich? Ich wollte mich doch schließlich nicht zu Hause einsperren, musste ja arbeiten und konnte nicht 24 Stunden bei den Vögeln sein!

Also wusste ich wieder mehr: Die Vögel sollten zahm, aber nicht zu anhänglich sein. Sie sollten keine Marionetten, sondern „echte“ Vogelpersönlichkeiten sein. Ja, aber geht so was denn überhaupt?

Per Zufall erfuhr ich vom Clickertraining und der Möglichkeit, Tiere damit zu zähmen. Ob mir als Anfänger das wohl auch gelingen könnte? Tja, mittlerweile war mir klar geworden, dass ich keine andere Wahl hatte. Handaufzuchten kamen nach meiner langen Infosuche nicht mehr in Frage. Also habe ich es am Ende „riskiert“ und habe mir zwei Naturbruten gekauft, zwei Goldnackenaras.

Sie zogen gleichzeitig bei mir ein, denn ich wollte ihre anfängliche Angst vor mir und ihrer neuen Umgebung so gering wie nur möglich halten. Und geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid….

Die 2m x 1m x 2m große Voliere stand natürlich schon bereit, ebenso wie ein Extra-Käfig, für den Fall, dass es erforderlich sein sollte, die beiden während der Eingewöhnungsphase getrennt zu halten. Gebraucht wurde er nicht, und heute dient er z.B. dazu, die Vögel inhalieren zu lassen.

Heute, nach fast einen Jahr mit den beiden kann ich nur betonen, wie sehr sich meine lange Informationsphase gelohnt hat. Ich bin überzeugt davon, dass Naturbrut die einzig richtige Aufzuchtform von Papageien ist. Auch wenn man sich als Papageienhalter natürlich meistens zahme Tiere wünscht, sollte man sich bewusst machen, dass man dieses nur durch Naturbrut erreichen kann, denn Handaufzuchten sind nicht zahm, sie sind fehlgeprägt und das oft mit fatalen Auswirkungen für Mensch und Tier.

Bezüglich der Zahmheit meiner beiden: hatte ich schon erwähnt, dass Linus, der Hahn, bereits nach einer Woche auf meine Hand stieg?? Sally, die Henne, brauchte ein paar Tage länger, bis sie die Scheu vor meiner Hand abgebaut hatte. Dafür ist sie heute die anhänglichere von beiden und kommt oft einfach so zu mir, um sich oder die Härchen meines Armes zu "putzen".

Mittlerweile spielen wir ausgelassen in der Wohnung „fangen“, ich rufe und sie fliegen solange in jedes Zimmer, bis sie mich gefunden haben. Es ist so, wie ich es mir gewünscht habe. Sie strotzen vor jugendlicher Energie und Spieldrang. Angst haben sie vor fast gar nichts, ihre Neugierde siegt immer. Wie konnte ich nur jemals daran zweifeln, sie zahm zu bekommen??

Meine beiden Goldnackenaras beschäftigen sich sehr gerne und intensiv miteinander.


Linus und Sally kraulen sich

Kaum aber ist ihre Volierentür offen, wollen sie mit mir auf Erkundungstour gehen. Mein Rücken ist teilweise ein Kampfschauplatz, auf dem getobt und gestritten wird, was das Zeug hält. Beide Vögel kommen auf Zuruf. Sie kennen ihre Namen sehr gut.

Abends sitzen wir drei auf der Couch,
jeder Vogel auf einem Knie, und erzählen uns leise vom Tag.


Wir beim gemütlichen Beisammensein,
im Hintergrund der Extra-Käfig

Ich bin sehr stolz auf die Freundschaft meiner beiden Vögel - das ist ein gutes Gefühl. Besser als jede Handaufzucht der Welt!

Andrea Lotz
Text und Bilder: ©Andrea Lotz

Clickertraining - was ist das?
Es ist eine Trainingsmethode, bei der das Tier bestimmte Verhaltensweisen erlernt. Das geschieht ohne jeden Zwang und mit Freude, allein durch die Bestätigung (Belohnung), wenn das Tier das Gewünschte tut.