Vor- und Nachteile der Handaufzucht in Kurzform
Dem Vogel wird durch die frühe Trennung von den Eltern die Möglichkeit genommen, viele artspezifische Verhaltensweisen zu erlernen.
Von Hand aufgezogene Vögel sind besonders stark auf den Menschen geprägt, das heißt, sie haben oftmals nicht die natürliche Distanz zum Menschen, die auch einer zahmen Naturbrut eigen ist. Dies kann zu schwerwiegenden Problemen führen, wenn so ein Vogel später einen Partner bekommen, bzw. mit anderen Vögeln vergesellschaftet werden soll. Der Vogel "weiß" nicht, zu welchem Partner er sich hingezogen, bzw. welchen er als Konkurrenten betrachten soll, den Menschen oder den/die neuen Artgenossen. Folglich kann es zu Angriffen gegen den Einen oder Anderen kommen. Der Vogel befindet sich in einer Konfliktsituation, die nur schwer zu lösen ist.
Auch bei im Geschwisterverband von Hand aufgezogenen Vögeln ist die Situation nur geringfügig besser, da sie von den Elternvögeln kein arttypisches Verhalten erlernen können. Ein Baby kann einem anderen Baby schließlich nichts beibringen!
Für den Halter bringt die Handaufzucht im Grunde genommen eher Nachteile, denn er zahlt einen höheren Preis für den Pseudo-Vorteil, einen zahmen, kuscheligen Vogel zu bekommen. Auch Vögel, die komplett von den Vogeleltern aufgezogen werden (Naturbruten), werden zahm, sofern man sich ausreichend und geduldig mit ihnen beschäftigt. Würde es Ihnen nicht viel mehr Spaß machen, Ihre anfangs zurückhaltenden Vögel langsam einzugewöhnen und dabei selber viel mehr über ihr Verhalten zu lernen, als wenn Sie "fertige" Vögel bekommen, die zu jedem auf die Hand steigen?
Für den Züchter bedeutet die Handaufzucht zwar mehr Arbeit, aber auch ein geringeres Risiko. Durch Handaufzucht gelingt es eher, auch schwächliche Küken durchzubringen als es bei der Elternaufzucht der Fall ist. So erhält der Züchter mehr Vögel zum Verkauf, die er zudem noch teurer anbieten kann als Elternaufzuchten. Dies trifft in besonderem Maße auf die zumeinst von Großzüchtern praktizierte Aufzucht ab Ei zu, da der Verlust des Geleges die Elterntiere zu erneutem Legen anregt.
Eine weitere, unbedingt abzulehnende Variante ist die Abgabe nicht futterfester Jungvögel, die von dem neuen Besitzer für einen mehr oder weniger langen Zeitraum von Hand weitergefüttert werden müssen. Begründet wird dies mit dem Aufbau einer starken Bindung des Vogels an den neuen Halter. Nicht erwähnt wird dabei, wieviel bei einer Handaufzucht, besonders durch Anfänger, schief gehen kann! Berichte, wie dieser, über schief gelaufene Aufzuchtsversuche, die mit dem Tod des Kükens endeten, mehren sich. Züchter, die nicht futterfeste Tiere abgeben, handeln verantwortungslos!
Von Züchtern, die handaufgezogene Vögel anbieten wird häufig so argumentiert:
zwischen dem Verhalten von Handaufzuchten und Naturbruten besteht kein Unterschied, außer dass die von Hand aufgezogenen Vögel von Anfang an zahm sind. Spätere Verhaltensauffälligkeiten können bei Naturbruten wie auch bei Handaufzuchten gleichermaßen auftreten und sind eine Folge nicht sachgerechter Haltung, zumeist Einzelhaltung mit damit einhergehender zu starker Bindung an den Menschen.
Diese Aussage ist durchaus richtig, man darf Papageien nicht als Einzelvogel halten, da der Mensch dem Vogel niemals den artgleichen Partner ersetzen kann. Richtig ist auch, dass superzahme Handaufzuchten, bei entsprechender Haltung in einer Vogelgruppe und reduziertem Kontakt zum Menschen viel von ihrer natürlichen Verhaltensweise erlernen und gewissermaßen wieder "verwildern" (Resozialisierung).
An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, warum man denn Handaufzucht betreibt, wenn es letztendlich keine Verhaltensunterschiede zu den von den Vogeleltern aufgezogenen Jungen gibt?
Ist es nicht seltsam?
Die segensreiche Erfindung des Brutkastens für Menschenbabies begrüßen wir natürlich, dennoch tun uns die armen Würmchen leid, die dort hinein müssen. Wir wissen, dass sie für ihre Entwicklung die Nähe der Mutter brauchen.
Es ist selbstverständlich, dass sie nur in Notfällen dort hinein kommen.
Und Papageienbabies?
Bei allem Bemühen und gutem Willen kann kein Mensch
dem Küken die Vogeleltern ersetzen.
Auch sie gehören nur im Notfall in den Brutkasten!


